Jungle World
, 03.09.2003
Hier wird zermürbt
Ein Jahr nach der Eröffnung des Abschiebelagers Fürth muss eine verheerende
Bilanz gezogen werden.
Die CSU leistet Widerstand: Als kürzlich die kleine bayerische, Gemeinde
Engelsberg als Standort für ein weiteres so genanntes Ausreisezentrum
ausgewählt wurde, stellten sich der Bürgermeister und der Gemeinderat
dagegen.
Nicht am Lagerkonzept selbst nahmen sie Anstoß, sondern vielmehr an den
unerfreulichen Schlagzeilen, die das bayerische Pilotprojekt im
mittelfränkischen Fürth bisher machte. In der Sorge um den
Gemeindefrieden bat der Bürgermeister Franz Ketzer Bayerns Innenminister
Günther Beckstein (beide CSU) persönlich darum, »in einer solch kleinen
Gemeinde kein Lager einzurichten«. Der Bitte wurde stattgegeben –
schriftlich, wie Ketzer betont.
Engelsbergs Bürgermeister war nicht der Erste, der um den inneren Frieden
und das Image seiner Gemeinde bangen musste. Bereits im Frühjahr
verkündete der CSU-Landtagsabgeordnete Hermann Regensburger der
Bevölkerung in seinem oberbayerischen Wahlkreis Neuburg an der Donau:
»Solange ich im Amt bin, wird es in Neuburg kein Ausreisezentrum geben.«
Damit behielt er bisher Recht.
Bemerkenswert an Regensburgers Widerstand gegen die Pläne der
Landesregierung ist vor allem, dass er sich zuvor als Staatssekretär im
bayerischen Innenministerium stets als Hardliner in Sachen
Flüchtlingspolitik und konsequenter Befürworter der treffender als
Abschiebelager zu bezeichnenden Einrichtungen hervortat. Doch die
Erfahrung in Fürth lässt verstehen, warum er, die rechte Hand
Becksteins, nun die Pläne seiner eigenen Partei boykottiert.
Im September 2002 wurde das erste bayerische Abschiebelager eröffnet.
Hier soll, wie in Trier, Halberstadt und weiteren Modellprojekten
anderer Bundesländer, »die Rückkehr- und Mitwirkungsbereitschaft der
Bewohner« (Beckstein) gefördert werden. Ihnen soll klar gemacht werden,
»dass es keine Alternative zur Ausreise gibt und es an der Zeit ist,
sich auf die Rückkehrpflicht zu besinnen«. Eingewiesen werden
Flüchtlinge und MigrantInnen, die wegen fehlender Papiere nicht
abgeschoben werden können. Flüchtlings- und Menschenrechtsorganisationen
protestierten gegen das Lager und forderten seine sofortige Schließung.
Der Innenminister zeigte sich jedoch unerbittlich und setzte darauf, dass
das öffentliche Interesse innerhalb kurzer Zeit abflauen werde. Der
Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und MigrantInnen in Nürnberg
gelang es jedoch, Kontakte zu den Insassen aufzubauen und so die Presse
mit Informationen direkt aus dem isolierten Lager zu versorgen.
Die Insassen des Lagers leiden unter der alltäglichen »Zermürbetaktik«,
wie Christoph Hammer, der Leiter des Abschiebelagers, den Umgang mit den
Insassen selbst beschreibt. Die ständigen Demütigungen, die Teil dieser
Taktik zu sein scheinen, sind mannigfaltig: dauerhafte Kontrollen durch
die Wachmänner eines privaten Sicherheitsdienstes, die als einzige per
Knopfdruck das Drehkreuz am Ausgang des Lagers freigeben können;
minutiöse Protokolle, wer das Lager wann verlässt oder betritt; mehrmals
wöchentlich stattfindende Verhöre, bei denen es regelmäßig zu Drohungen
kommt; die tägliche Ausgabe der Lebensmittelpakete, die die ständige
Anwesenheit im Lager sicherstellen soll, und dergleichen mehr.
All das blieb nicht ohne Wirkung. Binnen kurzer Zeit wiesen etliche der
Lagerbewohner Symptome wie Depressionen, Angstzustände, Schlaf- und
Appetitlosigkeit auf, neigten zu Alkoholmissbrauch und aggressivem
Verhalten. Die Menschenrechtsorganisation res publica bewertet das als
»direkte Folge der strikten Isolation der Insassen in ihrem vergitterten
Lager am äußersten Fürther Stadtrand«. Alles weise auf einen
»Lagerkoller« hin, sagt Florian Dotzler von res publica. Kein Wunder
also, dass sich knapp die Hälfte aller in das Fürther Abschiebelager
eingewiesenen Flüchtlinge dem Behördenzugriff entzogen hat und in die
Illegalität geflüchtet ist.
Insassen, die ihr Grundrecht auf freie Meinungsäußerung in Anspruch
nehmen, haben unter besonders großem Druck zu leiden. Dimitri Olenin,
ein Deserteur der russischen Armee, flüchtete Anfang der neunziger Jahre
nach Deutschland. Sein Asylantrag wurde abgelehnt, weil er weder seine
russische Staatsangehörigkeit noch seine Zugehörigkeit zur russischen
Armee beweisen konnte. Unter dem Vorwurf der Identitätsverschleierung
wurde er schließlich ins Fürther Abschiebelager eingewiesen. Auf
Veranstaltungen und in Interviews berichtete er immer wieder über die
Lebenssituation im Lager.
Im Mai dieses Jahres gelang es der Leitung des Abschiebelagers plötzlich,
die russische Botschaft zur Aufgabe ihrer Verweigerungshaltung zu
bewegen und Olenins Angaben nach zwölf Jahren erstmals zu bestätigen.
Doch die Bestätigung, die den Vorwurf der Identitätsverschleierung
eindeutig widerlegte, führte nicht etwa dazu, Olenins Asylverfahren
wiederaufzunehmen, das genau deswegen abgelehnt worden war, sondern zu
seiner prompten Abschiebung. Christoph Hammer geriet darüber ins
Kreuzfeuer der Kritik und Fürth in den Mittelpunkt des medialen
Interesses.
Sicher ist, dass hier wie in den anderen Abschiebelagern Flüchtlinge
unter psychischen Druck gesetzt werden, um sie zur »freiwilligen«
Ausreise zu zwingen. Dass diese Perfektionierung der Abschiebepolitik
grundgesetzwidrig ist, wird inzwischen auch von Gerichten erkannt.
Unlängst ordnete das Verwaltungsgericht Trier die Entlassung einer
Familie aus dem dortigen Abschiebelager an, »da die Beugung des Willens
durch psychologische Maßnahmen rechtstaatlich nicht vertretbar ist«.
Dass sich selbst die bayerischen Wohlfahrtsverbände geschlossen
weigerten, eine »psycho-soziale Betreuung« im Fürther Lager anzubieten,
um nicht Teil dieses repressiven Systems zu werden, trägt nicht dazu
bei, sein Renommee zu verbessern. Außer den Forderungen nach der
Schließung des Lagers, schlechter Presse für die Lagerpolitik der CSU
und jeder Menge Scherereien mit diversen Menschenrechtsorganisationen –
teils auch auf juristischer Ebene – hat Fürth nicht viel vorzuweisen.
Von den 98 eingewiesenen Flüchtlingen sind mindestens 45 in die
Illegalität abgetaucht. Lediglich ein Dutzend Insassen hat kapituliert
und sich zur Ausreise bereit erklärt. Sie dürfen zur »Belohnung« am
Piko-Projekt (Praktikum in kommunalen Organisationseinheiten)
teilnehmen, in dessen Rahmen sie handwerkliche Fähigkeiten für einen
leichteren Neuanfang in ihrem Herkunftsstaat erwerben sollen.
Beabsichtigter Zynismus oder nicht: Ihre Hauptbeschäftigung ist das
Ausheben von Gräbern auf dem städtischen Friedhof. Die Übrigen harren im
Lager aus.
Trotz dieser Bilanz hält Bayerns Innenminister Beckstein hartnäckig an
Abschiebelagern als »zentralem Element unseres Konzeptes, mit dem wir
die Rückführung ausreisepflichtiger Ausländer, die nicht ausreisen
wollen, optimieren wollen«, fest. Doch das könnte sich bald ändern. Vom
11. bis zum 14. September gibt es in Fürth Aktionstage gegen das Lager.
»Abschiebelager Fürth schließen!« soll hier nicht nur eine Parole
bleiben.
Alexander Thal
Weitere Informationen unter www.ausreisezentren.de